Helferinnen & Corona

Auf dieser Seite erscheinen in den nächsten Wochen Beiträge von Helferinnen, die erzählen, wie sie die Zeit der Corona-Pandemie erlebt haben und erleben.

 

Beitragsverzeichnis

Sr. Bernadette Krogger sa: Liturgie neu entdeckt
Sr. Regina Mair sa: Happy Birthday to you
Sr. Czakó Ágnes sa: Von Stoff zu Schutz
Sr. Elke Freitag sa: Berührung mit der Einsamkeit
Sr. Elisabeth Muche sa: Unverfügbar

 

Liturgie neu entdeckt

Sr. Bernadette Krogger lebt in Budapest in Gemeinschaft mit Schwestern aus Siebenbürgen, Ungarn und Österreich. Corona hat sie neu um Gottes Tisch versammelt.

Eine der prägendsten Corona-Erfahrungen war für mich das Feiern der Osterliturgie im kleinen Rahmen unserer Gemeinschaft. Anstatt uns einer konkreten Pfarrgemeinschaft anzuschließen, waren wir dieses Jahr herausgefordert, unsere „eigene” Liturgie zu entwerfen und zu feiern. Gemeinsam wurde stundenlang besprochen und geplant, sodass sich jede von uns einbringen konnte. Als Vorlage diente uns dabei natürlich die vorgegebene Liturgie der Kirche, aber da wir als Frauengemeinschaft keine Priester unter uns haben, verlagerte sich der Fokus auf den Wortgottesdienst.

Noch nie zuvor konnte ich Christi leibhaftige Gegenwart in der Gemeinschaft der Feiernden, im Hören und Verkünden Seines Wortes und im liturgischen Handeln als Ganzes so spürbar wahrnehmen wie in unseren gemeinsamen Wort-Gottes-Feiern zu Ostern. Was ich zuvor zwar vom „Hören-Sagen” kannte und bruchstückhaft bereits erfahren hatte, wurde für mich dank Corona greifbare Realität: Gott ist im ganzen Gottesdienst ganz da, nicht „nur” verdichtet in der Eucharistiefeier.

Sr. Bernadette Krogger sa

zurück nach oben

 

Happy Birthday to you

Sr. Regina Mair sa ist Krankenhausseelsorgerin in Wien, während Corona im HomeOffice wider Willen. Beauftragt, Impulse für das Krankenhauspersonal ins Intranet zu stellen, konnte sie keine Texte finden, die für die aktuelle Situation den richtigen Ton trafen. Also hat sie selbst den Stift in die Hand genommen:

„Happy Birthday to You“

Das soll man dreimal singen laut Anweisung bei den Desinfektionsspendern im Krankenhaus. Ehrlich gesagt habe ich das schon bei der Einführung belächelt, „brav“ ausprobiert und rasch wieder fallen lassen. Besonders in diesen Tagen brauche ich kein fröhliches Liedchen.
Da kreisen andere Gedanken im Kopf: wird es ausreichend wirken gegen die Viren-Viecher, die überall sein könnten? Wird es gelingen, mich und andere zu schützen? Habe ich vielleicht den Keim schon in mir und bin für andere potenziell gefährlich? Auch für die Menschen, mit denen ich lebe, die ich liebe?

„Uiii!“ – da wird mir schon ganz anders zumute und ich bekomme Gänsehaut und feuchte Hände, bevor ich noch anfange. Das liegt mir ehrlich schon im Magen, was soll ich denn tun? Natürlich noch sorgfältiger sein, mein Möglichstes tun, aber nie 100% sicher sein können. Wie kann ich damit leben? Ich will niemandem schaden! Meine Gegenwart soll guttun, soll helfen.
Waschen, sich reinigen ist in vielen Religionen als Ritual bekannt. Das könnte eine Idee sein.
„Es möge nichts Schädliches von mir ausgehen …“ – vielleicht finde ich da eine Formulierung, einen Wunsch, ein Gebet, das meine Händedesinfektion begleiten kann.

In angespannten Zeiten, wo jeder früher oder später die Grenzen der eigenen Belastbarkeit spürt, könnte das ein wirkungsvoller Wunsch sein: Meine Anspannung möge nicht den Ton meiner Stimme schärfen mit Nörgelei, Vorwürfen, Anschnauzen … mein Tun möge nicht hektisch schnell ein wortloser Vorwurf an die Langsamkeit anderer sein… und vieles mehr. Und das immer wieder, sooft wie das äußere Desinfizieren.

Und wohin mit der ganzen Spannungsenergie? Mir hilft, manchmal fest auftreten, den Boden, die Treppen treten – die halten das aus. Wie ein trotziges Kind …. Die Worterklärung von „trotzen“ ist: „Widerstand leisten einer Person oder Sache, die eine Bedrohung darstellt, in festem Vertrauen auf seine Kraft.“ Diese Kraft ist nicht nur individuell denke ich, sondern gemeinschaftlich und noch tiefer.

So wünsche ich Euch/Ihnen alles Gute (wenn auch nicht zum Geburtstag). Behüte Euch Gott! und natürlich mit dem neuen obligatorischen Gruß: „Bleibt gesund!“

Sr. Regina Mair sa und das Seelsorgeteam

zurück nach oben

 

Von Stoff zu Schutz

Schwester Agì Czako lebt in Csobánka, in der Nähe von Budapest. Als die Pandemie näher rückte, nahm sie die Unruhe wahr, die Atemlosigkeit. Sie nahm ihre Kreativität und Nadel und Faden in die Hand – die Vorsehung besorgte das Material.

Die Nachrichten aus China waren sehr erschütternd für mich, aber auch für die anderen in meiner Umgebung. Wir haben ernst darüber diskutiert und viel für die Betroffenen gebetet. Aber ich musste darauf kommen, dass mich das erst tief berührte, als die Infektionsrate in Italien plötzlich so schnell und stark anstieg. Dann habe ich den Unterschied gespürt, wenn man etwas über ein weit entferntes Land hört, und wenn das Übel schon an der Türschwelle steht. Im Verlauf von einigen Wochen veränderte sich die Lage nach meinem Empfinden irrsinnig schnell. Im Internet wurden immer mehr Meldungen über Quarantäne, Einkaufspanik, Todesfälle ausgetauscht. Auch in meinem Umfeld wurde immer mehr Unruhe spürbar.

Ältere Verwandte von mir haben über ihre Angst gesprochen. Sie suchten irgendeine Schutzmöglichkeit, entweder weil sie sich wirklich schützen wollten, oder auch weil der Gedanke unerträglich war, nur ohnmächtig zu warten, ob sie auch angesteckt werden. Ich habe oft die Klage gehört: „Ich wollte Schutzmasken kaufen, aber ich finde nirgendwo welche, man kann sie gar nicht kaufen. Was man kaufen kann, ist aus Papier und für nichts gut. Ich traue mich nicht mehr auf die Straße.“ Wie schnell wir unsere Sicherheit doch verlieren.

Ich fuhr von Budapest nach Csobánka nach Hause, und ich habe sie noch in meinem Herz getragen, die Angst alter Menschen mit Vorerkrankungen, die ein großes Risiko bergen. Dann kam mir noch Ende Februar die Idee zu überlegen, wie man eine Schutzmaske nähen kann.

Ich hatte ganz viel Baumwollstoff, der darauf wartete, dass ich ihm bei einem superguten kreativen künstlerisch-spirituellen Einkehrwochenende mit möglichst vielen Teilnehmern eine andere Qualität geben kann. Leider wurden gerade vor diesem Programm strenge Beschränkungen eingeführt. Wir konnten das Programm nicht durchführen. Ich fand es sehr schade.

Es kamen die ruhigen Tage der Fastenzeit zu Hause, ohne Gäste, ohne geistliche Programme, aber mit viel schönem Stoff, und ich habe angefangen, Schutzmasken zu nähen. Am Anfang habe ich gedacht, ja vielleicht nähe ich für einige ältere Verwandte von mir und für unsere Mitschwestern hier in der Gemeinschaft. Aber dann wurde das Interesse in meinem Bekanntenkreis hier in dem Dorf größer, danach habe ich es meinen anderen Mitschwestern in unserer Provinz angeboten. Zum Schluss habe ich 114 Schutzmasken genäht, mehrschichtig, mit innerem Filterstoff, usw. Aber der größte Schutz ist die Liebe und Freude, mit der sie hergestellt wurden, und das hat sicher auch bei jedem gewirkt.

Sr. Czakó Ágnes sa

zurück nach oben

 

Berührung mit der Einsamkeit

Sr. Elke Freitag sa arbeitet als Seelsorgerin in einem Münchner Altenheim. Sie erzählt von Einsamkeit, Angst und einem neuen Aufatmen.

In den härtesten zwei Monaten Corona war ich im Altenheim. Normalerweise berühre ich oft die alten Menschen oder umarme Kolleginnen. In dieser Zeit gab es Nähe nur mit Maske und 1,5 Meter Abstand. Nur fast Sterbende habe ich weiter berührt – mein Risiko. In dieser Zeit brachte ich oft die Taschen und Gaben der Angehörigen zu den Bewohnern ins Zimmer. Ich wurde begrüßt mit Lächeln, Tränen oder ganz wüsten Beschimpfungen. Einsam sein drückt jeder verschieden aus.

Wir alle im Heim waren sehr angespannt: Bleiben wir heute von Corona verschont? Wie lange müssen unsere Bewohner noch ohne Besuche verlassen sein und vereinsamen immer mehr? Ich war sehr dankbar, raus zu kommen aus der Wohnung, eine systemrelevante Arbeit zu haben und nicht zwei Monate eingesperrt zu sein. Ich war ein Teil davon. Aber es gab auch Nächte, in denen mich eine tiefe Angst wach hielt: Möglicherweise bringe ich mit meiner Arbeit meine hochaltrige Mitschwester daheim um! Gott sei Dank geschah dies nicht und das Heim blieb von Corona verschont.

Als ich das Heim nach dieser Zeit für eine längere Auszeit verließ, durften am Wochenende das erste Mal wieder Angehörige ihre Eltern, Großeltern und Ehepartner besuchen und die Freude war auf allen Seiten riesig groß.
Mir selber hat die Zeit alles abverlangt und ich war wirklich bei den Einsamsten der Einsamen in dieser Zeit, ganz nach Maria von der Vorsehung.

Sr. Elke Freitag sa

zurück nach oben

 

Unverfügbar

Etwas eindrückliches für mich in den letzten Wochen: der Faktor Zeit. Als hätte jemand den Kalender zugeklappt: so Elisabeth, jetzt vergiss mal die ganzen Kästchen. Für heute die Möglichkeiten und Fragen von heute. Morgen ist ein anderer Tag.

Seit Mitte März fließt die Zeit. Planen zwecklos. Mit Radiergummi bewaffnet, warte ich auf Entscheidungen. Vertröste und werde vertröstet. Vereinbare Treffen mit Ortsangabe: Pfarrei oder Zoom? Und sehne mich danach, die Normalität beschließen zu dürfen.

”Das lernen wir doch gerade alle, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.” sagte eine Mutter, deren Tochter an der Feier des Erwachsenwerdens (eine Form der Jugendweihe in Leipzig) teilnimmt, zu mir am Telefon, “ – es wird ein schönes Fest werden.”

Ihre Gelassenheit – ihr Loslassen – tröstet mich. In leere Kalenderkästchen ist Leben eingeschrieben. Im Ungeplanten, nicht Vorhergesehenem, Unverfügbaren feiern wir die Feste ohne Haken dran. In Gottes Blick bin ich im Fluss der Zeit gehalten.

Sr. Elisabeth Muche sa

zurück nach oben